Fachtagung „Deutsch lernen, Teilhabe ermöglichen“

Die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) und die Arbeiterwohlfahrt (AWO) haben am 10. April 2019 in Berlin die Fachtagung „Deutsch lernen, Teilhabe ermöglichen“ organisiert. Nach der Begrüßung gab es vier Diskussionsblöcke, die von der rbb-Journalistin Elisabetta Gaddoni moderiert wurden. Anwesend waren circa fünfzig Leute, darunter viele aus anderen Bundesländern. In jedem Block hielten zwei bis vier Expert*innen einen kleinen Vortrag und dann hatte das Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Trotz dieser eintönigen Struktur war die Tagung spannend, zum einen, weil die Expert*innen kompetent waren, und zum anderen, weil das Spektrum der behandelten Themen breit war.

Schon bei der Begrüßung haben die Vertreterinnen von FES und AWO einige Probleme direkt angesprochen. Frau Döcker hat die fehlende methodisch-didaktische Debatte bei der Leitung der Integrationskurse (IK) kritisiert und eine individuelle, passgenaue Organisation des Lernens gefordert. Nach ihrer Meinung wurde in den IK weder gefragt, welche Lernerfahrungen die Teilnehmende (TN) schon haben, noch was sie am Ende des Kurses gelernt haben, unabhängig davon, ob sie den Test bestanden haben.

Im Lauf der Tagung kamen Sinn und Gestaltung der Tests mehrmals zur Sprache. Zum Beispiel stellte Christopher Schröder (Professor für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache am Institut für Germanistik der Universität Potsdam) die These auf, dass die (partielle) Messbarkeit der Sprachkenntnisse durch den GER gern als Indikator der Integration benutzt wird, einfach weil andere Aspekte der Integration noch schwerer zu messen sind. Er hat außerdem hervorgehoben, dass der Anteil der Kursteilnehmenden, die beim B.1-Test erfolgreich sind, hoch sei, wenn man die TN der Alpha-Kurse und der Kurse für Zweitschriftlernende herausnimmt, wie es eigentlich sinnvoll ist, weil das Lernziel in diesen letzteren Kursen von Anfang an A.2 ist und nicht B.1.

Ein weiteres, oft angesprochenes Thema war das neue Einwanderungsgesetz, das u.a. den Geflüchteten die Dualausbildung öffnen und eine Duldung für die Ausbildung ermöglichen sollte, auch denjenigen mit unsicherer Bleibeperspektive. Aber eine richtige Diskussion darüber war nicht möglich, da der Gesetzesentwurf noch nicht öffentlich ist.

Frau Settelmeyer (Bundesinstitut für Berufsbildung, Bonn) hat angemerkt, dass kein Programm für die Sprachausbildung derjenigen vorgesehen ist, die die Dualausbildung aufnehmen werden. Zudem hat sie hervorgehoben, dass viele Schwierigkeiten der Geflüchteten in den Berufsschulen damit zu erklären sind, dass die Berufsschulen neun Jahre im Allgemeinen Schulsystem voraussetzen.

Marc Rosenau, der für das Bundesministerium des Inneren hätte teilnehmen sollen, ist nicht gekommen. An seiner Stelle waren für die Darstellung des Status Quo Gunilla Fincke (Bundesministerium für Arbeit und Soziales) und Uta Saumweber-Meyer (Bundesamt für Migration und Flucht, BAMF) dabei. Saumweber-Meyer hat einige Neuigkeiten angekündigt, z.B. dass die neuen Regionalkoordinator*innen ehemalige Lehrkräfte sind: Sie sollen einen engeren Kontakt mit den kommunalen Institutionen erleichtern. Sie hat berichtet, dass es jetzt in den IK mehr Disziplinprobleme gibt. Nicht neu waren ihre Aussagen darüber, dass das BAMF keinen Kontakt mit den Lehrkräften hat oder dass die Verpflichtung, einen Kurs zu besuchen, gut ist, z.B. weil damit die Familien das Lernen (besonders für die Frauen) ernst nehmen.

Ich habe Saumweber-Meyer gefragt, ob das BAMF eine maximale Anzahl der wöchentlichen Unterrichtseinheiten festlegen könnte, um die Verträge mit horrenden Lehrdeputaten zu verhindern, die einige Träger vergeben, um das Mindesthonorar zu umgehen. Sie hat leider die Frage nicht verstanden, mir stattdessen wieder erklärt, dass das BAMF nur mit den Trägern verhandelt, und dann behauptet, dass das BAMF die Tarifautonomie nicht verletzen darf: Der Lohn geht aus den Verhandlungen der Arbeitgeber und der Gewerkschaften hervor, was ich gar nicht in Frage stellen wollte.

Mit den Beiträgen von Lars Castellucci (Sprecher für Migration in der SPD-Bundestagsfraktion) und Honey Deihimi (Leiterin des Referats Gesellschaftliche Integration im Bundeskanzleramt) war der letzte Block politisch im institutionellen Sinn. Beide betonten, dass die Qualität der Sprachausbildung der IK überprüft werden muss. Castellucci behauptete, dass Arbeit, Sprache und Bildung für alle sein müssen, egal wie lange sie bleiben, da dies ein Vorteil sowohl für die Betroffenen als auch für die ganze Gesellschaft darstelle. Deihimi hat über den Vorschlag der Staatsministerin für Integration berichtet, die Anzahl der TN in den IK wieder auf zwanzig  zu begrenzen.

Auch über die Lehrkräfte wurde geredet, aber in den meisten Fällen mit vagen, lobenden Worten. Viel konkreter war der Redebeitrag von Ansgar Klinge (GEW, Bundesvorstand) über die Arbeitsbedingungen in den IK und generell in der Weiterbildung: Ein allgemeiner, spontaner Applaus folgte seinen Aussagen.

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